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Psychischer Druck Inhaltsverzeichnis der Doktorarbeit

Untersuchungsmethodik

Dr. Heiko Maurer

5.5 Diskussion

Die Ziele der vorliegenden Untersuchung bestehen in der feldnahen Überprüfung der Vorhersagen der Explicit Monitoring Theories, sowie der Analyse der kinematischen Veränderungen, aus denen die erwarteten Leistungseinbußen resultieren. Zunächst lässt sich die erfolgreiche Übertragung der Fragestellung auf die feldnahe Untersuchungssituation feststellen. Die Untersuchung wurde mit hochgradig geübten Kaderathletinnen im Rahmen von Vorbereitungsmaßnahmen auf die Europameisterschaften 2004 durchgeführt. In der Druck-Gruppe zeigt sich ein deutlicher Anstieg der Zustandsangstwerte, sodass angenommen werden kann, dass durch die vom Bundestrainer formulierten Zielvorgaben bei den Spielerinnen eine realistische Drucksituation erzeugt werden konnte. Bei der Gestaltung der Aufmerksamkeitsbedingungen wurden individuelle Aufmerksamkeitsstrategien berücksichtigt und es erfolgte eine Fokussierung auf vertraute und als wichtig erachtete Ausführungsmerkmale (Internal-Gruppe) bzw. zu erzielende Bewegungseffekte (External-Gruppe). Der Großteil der Spielerinnen gab an, dass die Fokussierung auf den jeweiligen Aspekt gut gelungen ist und alle Spielerinnen berichteten, dass sie die Aufmerksamkeit auch in Trainings- und Wettkampfsituationen auf die jeweiligen Aspekte lenken. So kann auch hier von realistischen bewegungs- bzw. effektbezogenen Aufmerksamkeitsbedingungen ausgegangen werden, wie diese von den Spielerinnen auch in Trainings- und Wettkampfsituationen genutzt werden. Damit wird sichergestellt, dass mögliche Effekte nicht durch ungewohnte Ausführungsbedingungen verursacht werden. Weiterhin liegt die Vermutung nahe, dass die Spielerinnen in wichtigen Situationen die Aufmerksamkeit auf solche Aspekte lenken, die sie für die erfolgreiche Ausführung als wichtig erachten.

Überprüfung der Vorhersagen der Explicit Monitoring Theories

Während die Ergebnisse der Druck- und der External-Gruppe den Vorhersagen entsprechen, zeigt sich bei der Internal-Gruppe ein signifikanter Anstieg der Trefferleistung, was aufgrund der in Abschnitt 3.3 dargestellten Ergebnisse nicht zu erwarten war.

Bei der Betrachtung der Ergebnisse in Abbildung 16 ist kritisch anzumerken, dass die Druck-Gruppe in der Baseline-Bedingung höhere Ausgangswerte erreicht als die Internal-Gruppe. Damit kann nicht ausgeschlossen werden, dass die gegenläufige Entwicklung der beiden Gruppen auch durch den sog. „Regression zur Mitte“-Effekt beeinflusst wird (vgl. dazu die Ausführungen bei Bortz & Döring, 2006, S. 554ff.). Die Resultate der External-Gruppe sprechen jedoch dafür, dass die Ergebnisse nicht lediglich durch Regressionseffekte verursacht werden. Diese Gruppe weist in der Baseline-Bedingung die niedrigsten Ausgangsleistungen auf und erzielt keine bedeutsamen Veränderungen in der Treatmentbedingung, obwohl der effektbezogene Fokus aus dem Blickwinkel motorischer Kontrollprozesse von Vorteil sein sollte (vgl. Abschnitt 3.3).

Die Ergebnisse der Internal-Gruppe widersprechen der Annahme, dass ein ausführungsbezogener Aufmerksamkeitsfokus per se zu einer Beeinträchtigung der Leistung führt. Aufgrund der gegenläufigen Entwicklung der Spielerinnen in der Druck- und der Internal-Gruppe kann angenommen werden, dass bei den Spielerinnen Leistungseinbußen in Drucksituationen nicht durch die Fokussierung auf vertraute und als wichtig erachtete Bewegungsaspekte verursacht werden. Hier ist es erforderlich, die beeinträchtigende Wirkung des ausführungsbezogenen Aufmerksamkeitsfokus genauer zu spezifizieren. An dieser Stelle lassen sich einige Vermutungen darüber angestellt, wie sich die positive Wirkung des ausführungsbezogenen Fokus erklären lässt. Der wesentliche Unterschied zu anderen Untersuchungen besteht darin, dass eine Fokussierung auf vertraute und von den jeweiligen Spielerinnen als wichtig erachtete Bewegungsaspekte erfolgte. Im Rahmen der Explicit Monitoring Theories wird angenommen, dass häufig geübte Bewegungen automatisiert werden und die Lenkung der Aufmerksamkeit auf den Ausführungsprozess die automatisierte Ausführung stört. Vor diesem Hintergrund ist eine von Lewis und Lindner (1997) vorgeschlagene Erklärung (vgl. auch Abschnitt 3.3.4) plausibel, wonach auch Aufmerksamkeitsprozesse eine Automatisierung erfahren können und dann nicht mehr zu einer Störung der automatisierten Fertigkeit führen. Lewis und Lindner sehen dies als mögliche Erklärung für den Befund, dass durch Trainingsbedingungen, die einen ausführungsbezogenen Aufmerksamkeitsfokus provozieren sollen, Leistungseinbußen in Drucksituationen verhindert werden können. Häufig genutzte Aufmerksamkeitsstrategien könnten also in den Ausführungsprozess integriert werden, sodass dieser durch deren Nutzung nicht gestört wird. In eine andere Richtung geht ein Erklärungsansatz von Ericsson (2003) (vgl. Abschnitt 3.5). Er stellt das Zutreffen der klassischen Lernphasenmodelle in Frage, wenn häufig eine intensive kognitive Auseinandersetzung mit der Fertigkeit erfolgt, um diese z. B. im Training weiter zu optimieren. Ericsson (2003) nimmt an, dass hierdurch der Aufbau einer automatisierten und für kognitive Prozesse nicht mehr zugänglichen Bewegungsrepräsentation verhindert wird. Auch diese Erklärung erscheint plausibel, da die Verbesserung der Freiwurftechnik und der Trefferquote ein grundlegendes Trainingsziel im Basketball darstellt.

Aber auch unabhängig von der Überlegung, dass durch die Fokussierung auf den Ausführungsprozess eine Störung der automatisierten Ausführung erfolgt, gibt es Erklärungsansätze für den Anstieg der Trefferleistungen in der Internal-Gruppe. So zeigt sich in der Tendenz ein Rückgang der Zustandsangstwerte von der Baseline- zur Internal-Bedingung (vgl. Abschnitt 5.4.1). Möglicherweise erhöht also die Fokussierung auf wichtige Ausführungsaspekte die Zuversicht der Spielerinnen, die Bewegungsaufgabe erfolgreich bewältigen zu können.

In Abschnitt 3.3.3 wurden aus dem Blickwinkel kontrolltheoretischer Überlegungen weitere mögliche Funktionen willkürlicher Aufmerksamkeitslenkung beschrieben, die zur Erklärung der Ergebnisse beitragen können. Insbesondere die aus der ideomotorischen Hypothese folgende Annahme, dass die Fokussierung auf einen zu erzielenden Bewegungsaspekt als Effektantizipation verstanden werden kann und dies zur Aktivierung der motorischen Aktion führt, die diesen Effekt hervorbringt, könnte hier von Bedeutung sein. Wenn beispielsweise beim Freiwurf das Abklappen des Handgelenks von besonderer Bedeutung ist und die Fokussierung auf diesen Aspekt dazu führt, dass er angemessen umgesetzt wird, dann kann daraus eine Flugkurve resultieren, die mit größerer Zuverlässigkeit zum Korberfolg führt.

Einschränkung von Freiheitsgraden

Das zweite Ziel der Untersuchung besteht darin, die kinematischen Veränderungen der Bewegungsausführung zu beschreiben, die die Leistung maßgeblich beeinflussen. In Kapitel 4 wurden zwei Betrachtungsebenen eingeführt, die in der vorliegenden Untersuchung genutzt wurden – das Freiheitsgrade-Konzept von Bernstein (1967) und die Betrachtung aufgabendienlicher Kovariationseffekte (Müller, 2001).

Ein Wiedereinschränken von Freiheitsgraden in Drucksituationen bzw. bei aufmerksamer Kontrolle der Bewegungsausführung sollte zu geringeren Bewegungsumfängen und einem Ansteigen der Korrelationen der Winkelverläufe führen. Diese Erwartungen können jedoch nicht bestätigt werden, was hypothesenbedingte als auch untersuchungsbedingte Ursachen haben kann und im Folgenden diskutiert wird.

Zum einen ist es möglich, dass die hier untersuchten Bedingungen nicht zu einem Einschränken von Freiheitsgraden in der erwarteten Form führen. Bernstein (1967) beschreibt im Lernverlauf drei Stufen bei der Koordination von Freiheitsgraden (vgl. Abschnitt 4.1). Von der ersten zur zweiten Stufe kommt es zu einem Auflösen der anfänglichen Einschränkungen und von der zweiten zur dritten Stufe zu einer weiteren Ökonomisierung der Ausführung. Letzteres charakterisiert Bernstein durch das Ausnutzen der Eigenschaften des sich bewegenden Systems, wie etwa die Einbeziehung der bei der Ausführung auftretenden reaktiven Kräfte. Damit ist es möglich, dass das häufig als Freezing interpretierte Ansteigen muskulärer Kokontraktionen das Ausnutzen der „Systemeigenschaften“ beeinträchtigt, sich aber nicht im Bewegungsumfang und der Kopplung der Gelenke widerspiegelt. Damit ist auch die Frage zu stellen, welche Funktion das in Stresssituationen und bei bewegungsbezogener Aufmerksamkeitslenkung beobachtete Ansteigen muskulärer Kokontraktionen erfüllt. Möglicherweise dient dies nicht der Fixierung von Gelenken im Sinne eines Einschränkens von Freiheitsgraden, sondern der Anpassung der biomechanischen Eigenschaften des Effektors, wie dies in der Neuromotor Noise Theory vorgeschlagen wird (vgl. Abschnitt 3.4).

Zum anderen ist aus dem Blickwinkel der Untersuchungsgestaltung die Frage zu stellen, ob die Freiwurfbewegung geeignet ist, um ein mögliches Einschränken von Freiheitsgraden in der erwarteten Weise zu erfassen. Im Unterschied zu den von Collins et al. (2001) untersuchten Gehbewegungen bestehen beim Freiwurf deutliche Randbedingungen, die eine Veränderung der Ausführung nur bedingt zulassen. So ist es erforderlich, solche Abwurfgeschwindigkeiten zu erzielen, die überhaupt eine erfolgreiche Ausführung ermöglichen. Um die notwendigen Beschleunigungen zu gewährleisten ist es beispielsweise nicht möglich, die Anzahl der beteiligten Gelenke – und damit auch den Beschleunigungsweg – beliebig zu reduzieren. Der Nachweis von Veränderungen in der Bewegungsausführung einzelner Gelenke wird zusätzlich erschwert, weil die hohe Anzahl der beteiligten Gelenke und die Lösungsmöglichkeiten der Aufgabe ganz verschiedene Technikvarianten zulassen und sich damit Veränderungen auch in unterschiedlichen Merkmalen widerspiegeln können.

Ausführungsvariabilität und aufgabendienliche Kovariation

Bei den vermuteten Veränderungen von Bewegungsumfängen und Gelenkkopplungen bleibt offen, ob und wie die Leistung hierdurch beeinträchtigt wird. Anhand des resultierenden Ballflugs können leistungsrelevante Faktoren der Trefferleistung quantifiziert und damit die Betrachtungen der Gelenkbewegungen erweitert werden. Wenn es in Drucksituationen bzw. bei einem ausführungsbezogenen Aufmerksamkeitsfokus zu einer Beeinträchtigung der komplexen Abstimmung der Gelenke kommt, dann sollte dies zu größeren Streuungen der resultierenden Abwurfparameter (Hypothese 1.3) und damit einhergehend möglicherweise einer geringeren Ausprägung aufgabendienlicher Kovariation (Hypothese 1.4) führen. Bei den gruppenstatistischen Analysen zeigen sich die erwarteten Interaktionseffekte nicht, sodass beide Hypothesen nicht bestätigt werden können. Die Leistungseinbußen innerhalb der Druck-Gruppe gehen jedoch erwartungsgemäß mit einem Anstieg der Ausführungsvariabilität einher. Die erwartete Verringerung bei der Nutzung aufgabendienlicher Kovariation zeigt sich hingegen nicht.

Auch bei der Interpretation der kinematischen Daten des Ballfluges sollte das methodische Vorgehen berücksichtigt werden. Zur Bestimmung der Ausführungsvariabilität sowie der Kovariation der Wurfparameter wurde die Ergebnisvariabilität – also die aus den Ausführungsgrößen ermittelte Streuung der Flugkurven am Ring (BVEBB) – genutzt. Um dabei den spezifischen Anforderungen des Freiwurfs Rechnung zu tragen, wurden die Abweichungen der Flugkurven in Wurfrichtung entsprechend des Eintrittswinkels des Balles in die Ringebene stärker gewichtet, um eine hohe Übereinstimmung von Ergebnisvariabilität und Trefferleistung zu erreichen. Bei der Prüfung dieses Zusammenhangs ergibt sich ein hochsignifikanter, aber nur mittlerer Zusammenhang (r = -.62, p < .001). Dies zeigt, dass die Trefferleistung zwar durch die Ergebnisvariabilität beeinflusst, aber nicht zufrieden stellend erklärt werden kann. Die ermittelten Werte für die Ausführungsvariabilität und die Kovariation beschreiben also, wie stark diese zum Erreichen hoher Konstanz der Flugkurven am Ring beitragen. Letzteres hat zwar deutlichen Einfluss auf die Trefferleistung, beschreibt diese aber nicht vollständig. Dies könnte ein Grund dafür sein, dass sich der erwartete negative Zusammenhang von Trefferleistung und der Ausprägung aufgabendienlicher Kovariation auf Gruppenebene nicht zeigt.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass die von den Explicit Monitoring Theories vorhergesagten Leistungseinbußen durch eine Fokussierung auf die Bewegungsausführung unter den hier genutzten feldnahen Bedingungen nicht bestätigt werden können. Die genauen Ursachen für dieses in anderen Studien gefundene Ergebnis gilt es in weiteren Studien zu klären.


>> Untersuchung II – Vertrautheit des Aufmerksamkeitsfokus
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