Love it, change it or leave it!


Schweinhund Sonne

Wie wir die Welt wahrnehmen, bestimmt, wie wir uns fühlen – und wie wir uns die Welt formen.

Herzlich willkommen, heute geht es wieder um unseren Schweinehund. Mein Name ist Stefan Frädrich und das Thema soll heute unser unausweichliches Schicksal sein.

Wenn Sie mir in den letzten Podcasts zugehört haben, wissen Sie, dass ich glaube, es ist Quatsch, dass wir ein unausweichliches Schicksal haben, unter anderem weil wir unsere innere Videokamera haben. Noch einmal ganz kurz zur Erinnerung. Das, was wir mit unserer Wahrnehmung filmen, das nennt man selektive Wahrnehmung. Das bestimmt, wie wir die Realität wahrnehmen, ganz banal. Wenn ich einen Sucher auf irgendetwas richte, erscheint das, was ich filme groß. Wenn ich den Sucher wegdrehe oder weggucke, auf etwas anderes gucke, dann nehme ich das bestimmte, was ich vorher gesucht habe, nicht mehr wahr.

Unsere innere Videokamera bestimmt demnach auch, was wir aus der Realität machen. Wir können jede Situation auf eine x-beliebige Weise wahrnehmen. Im Wesentlichen sind alle Situationen gut für uns, sie sind schlecht für uns oder sie sind neutral für uns. Wichtig ist, das richtige Urteilsvermögen an den Tag zu legen. Was nutzt uns am besten?

Erprobt haben sich da drei Sichtweisen, und zwar heißen die "love it", "change it" or "leave it", auf deutsch "Liebe es", "Verändere es" oder wenn Du es weder lieben noch verändern kannst, dann hast Du immer noch die Wahl, die Situation zu verlassen, "leave it".

Gehen wir es der Reihe nach durch. Nummer eins, "love it". Stelllen Sie sich vor, eigentlich ist alles OK, aber trotzdem motzen wir oft rum. Warum? Weil wir oft zuviel Routine in unserem Alltag haben. Weil wir oft zu wenig Abenteuer, zu wenig Dopamin in unserem Kopf haben. Weil alles in unserer kleinen Welt bekannt und akzeptiert ist. Wir wissen, was jeden Tag passiert. Was passiert in unserer inneren Wahrnehmung? Wir drehen die Wahrnehmung auf potentielle Gefahren. Denn potentielle Gefahren, das ist ein biologischer Antrieb. Angst und Sorge, das ist ein wichtiger biologischer Wahrnehmungsfilter, der uns vor Gefahren schützt. Vor ein paar hundert tausend Jahren, als wir noch als Urmenschen durch den Dschungel gelaufen sind, war es wichtig, dass wir selbst, wenn wir uns gut gefühlt haben, immer gucken, wo ist der Säbelzahntiger, wo ist eine giftige Schlange, wo lauern irgendwelche Gefahren? Wir haben genau das gleiche Programm im Kopf, immer noch. Weil wir biologisch betrachtet immer noch sozusagen Tiere sind.

Deswegen erklärt sich auch, warum vieles in den Medien immer so aufgeblasen werden muss. Als negativ, als Katastrophe, warum es heißt "bad news are good news". Ganz einfach, weil wir Menschen darauf gucken. Weil das unser biologisches System ist. Wir laufen sozusagen noch mit Steinzeithirnen durch die Gegend. Dabei, da draußen finden wir kaum noch Säbelzahntiger, die meisten Krankheiten sind behandelbar, eigentlich ist alles OK, maximale Naturgefahr bei uns, Glatteis. Also, was ist die Lösung? Die Lösung könnte sein, alles ist OK, konzentrieren wir uns doch bewusst auf das Schöne, also "love it".

Nummer zwei, "change it". Manchmal gibt es wirklich etwas zu motzen. Wir haben irgendwie Probleme, und wir könnten die Probleme in den Griff kriegen. Aber unser innerer Schweinehund ist zu unsicher, zu bequem, um es wirklich aktiv zu verändern. Was ist die Folge? Wir motzen drauf los, wir haben ein schlechtes Gefühl, und wir gehen in die Opferrolle. Wir tun so, als könnten wir nichts an der Situation verändern, dabei können wir etwas verändern, wenn wir die Situation richtig wahrnehmen und als "change it" interpretieren. Denken Sie an unangenehme Aussprachen, an mutige Bewerbungen. Gerade in der Wirtschaftskrise gibt es zwei Herangehensweisen, die einen sagen, ich muss jetzt Personal sparen, ich muss Kosten senken und die anderen sagen, ich muss besser verkaufen.

Sicherlich kennen Sie auch Beispiele, wo sie trotz Krisen, oder wo andere Menschen trotz Krisen überlebt haben. Also wo Gute überlebt haben oder wo sie sogar gewachsen sind, obwohl es allen Menschen herum schlechter gegangen ist. Wichtig hierbei, sich nicht hilflos in ein Schicksal ergeben, sondern sich immer wieder fragen, was kann ich persönlich tun, wie geht's besser als vorher, welche Einflussmöglichkeiten habe ich. Also komplett rauszugehen aus dieser Opferrolle und zu gucken, dass man gestaltet.

Und Variante Nummer drei, wenn nichts mehr geht, dann geht man eben. Das ist das "leave it" und die Schwierigkeit ist eben herauszufinden, wann man geht. Wann also in der Situation nichts mehr getan werden kann. Schritt Nummer eins, ich kann mich nicht damit abfinden, Nummer zwei, ich arbeite, ich tue alles mögliche um die Situation zu verändern. Wann kann ich die Situation wirklich nicht mehr verändern? Anstatt jetzt hier in der Opferrolle zu verharren, sollte man rausgehen aus der Situation und etwas anderes machen.

Mein persönliches Beispiel hierfür ist meine Entscheidung damals, als Arzt aufzuhören. Ich hatte eine Stelle in der Uniklinik Ulm, in der Psychiatrie. Der Job hat mir keinen Spaß gemacht. Das lag nicht an den Kollegen, das lag nicht am Chef, das lag auch nicht an den Patienten. Aber ich stellte fest, ich bin vom Typus her kein Mensch, der jeden Tag in eine Klinik geht, sondern mir macht es viel mehr Spaß mit anderen Menschen kreativ zu arbeiten. Unterwegs zu sein, fächerübergreifend zu arbeiten, querzudenken, sprich, in der Klinik war nicht das richtige Umfeld für mich.

Dann habe ich in die Geschäftführung eines mittelständischen Textilhandels gewechselt und eine Ausbildung zum Betriebswirt (IHK) gemacht. Jetzt werden sich vielleicht die ein oder anderen fragen, warum? Wie soll denn dieser Wechsel zustande kommen? Das ist ganz einfach, das war ein Bekannter meiner Eltern, der einen Nachfolger für seinen mittelständischen Textilhandel suchte. Ich dachte mir, hey pass auf, Klinik macht keinen Spaß, Arzt willst du nicht mehr sein, mach doch irgend etwas völlig Neues. "Leave it", komplett raus aus der Situation.

Sie können sich vorstellen, dieser Cut war nicht ganz einfach. Die Geschichte war relativ holprig. Aber es war eine der besten und wahrscheinlich wichtigsten Entscheidungen meines Lebens. Nicht weil ich bei diesem Job geblieben wäre und weil mich das langfristig glücklich gemacht hätte. Aber es hat mir gezeigt, dass ich mein Leben eben doch in den Griff kriegen kann. Dass ich eben doch gewisse Dinge verändern kann, wenn ich sie einfach angehe. Und dass wir Menschen zu den seltsamsten Dingen und den tollsten Dingen fähig sind, wenn wir sie einfach mal ausprobieren. Das Leben wurde wieder schön.

Sollten Sie jetzt denken, mein Gott, mir passiert so etwas nie, dass mir jemand eine Stelle anbietet, dass sich irgendwelche Chance ergeben. Vorsicht, seien Sie wachsam, das glaube ich Ihnen nicht. Ich glaube, dass auch in Ihrem Leben lauter Chancen auf Sie warten. Ihr Job ist es, diese Chancen wahrzunehmen, nicht für unmöglich zu halten, sondern zu gucken, oh, da ist was. Sich mutig zu trauen, die Situation beim Schopfe zu packen. Vielleicht kennen Sie das auch in manchen Beziehungen, dass man Ewigkeiten kämpft und sich verbessert, vielleicht zum Therapeuten geht und dass die Lösung vielleicht gar nicht ist, ewig zu kämpfen, sondern dass man besser nach Jemandem suchen sollte, der besser zu einem passt.

Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Jetzt werden sich die besonderes Kritischen fragen, Mensch, Frädrich, Dummschwätzer, was wenn wir weder etwas lieben noch etwas verändern, noch etwas verlassen können, was wenn das eine oder noch das andere, noch das dritte möglich ist?

Dann ist doch wieder nur das "love it" sinnvoll. Ein kleines Beispiel, vor kurzem flog ich von New York zurück nach Frankfurt. Der Abflug verspätete sich um zwei Stunden, ich dachte mir auf dem Abfluggate schon, da waren so viele Menschen, die Maschine würde proppevoll werden. Das wurde sie tatsächlich. Es war jeder Platz besetzt, jeder, bis auf den einen, in meiner kleinen Dreierreihe. Ich saß am Fenster, dann saß einer neben mir und der Gangplatz war frei. Die ganze Maschine war ansonsten voll. Neben mir war ein agiler, junger Mann, ein Machertyp, der freudig vor sich hinmotzte, der sich in einer Tour aufregte. Das sei das Allerletzte hier mit der Fluglinie. Das sei das letzte Mal, dass er mit denen geflogen sei, zwei Stunden warten, dann noch der ganze Platz besetzt, alles war furchtbar und ganz schrecklich.

Sie wissen, wie das ist, wenn man sich auf etwas konzentriert, dann nimmt man diese Sache einfach umso stärker wahr. Er schaukelte sich also richtig hoch, hinein in eine Motzspirale. Kurz bevor wir losrollten geschah das Unglaubliche. Es traten noch zwei Passagiere in die Maschine ein, und zwar eine junge Mutter mit einem etwa zweijährigen Kind. Sie ahnen, wo die junge Damen Platz nahm. Direkt neben uns in der Dreierreihe. Nun waren wir zu Viert, nach zwei Stunden warten auf einem Flug von New York nach Frankfurt.

Neben mir sah ich, wie die Halsschlagader zu pochen begann, die Adern im Gesicht traten hervor. Dann rollten wir los und es gab noch eine kleine Durchsage des Kapitäns. "Liebe Leute, es tut mir Leid, wir müssen jetzt ungefähr 1 1/2 Stunde in der Warteschlagen warten, auf dem Rollfeld, weil wir unseren ursprünglichen Timeslot verpasst haben." Jetzt können Sie sich vorstellen, was das mit dem Gemütszustand meines Sitznachbarn gemacht hat. Die Halsschlagader pulsierte, der Mann fing an zu schwitzen, der regte sich auf, "I'm gonna freak out", also ich werde verrückt hier. Er hat rumgebrüllt und es hat eine Weile gedauert bis er sich beruhigt hat. Er hatte letztlich keine andere Wahl, als sich zu beruhigen. Denn er konnte die Situation nicht verändern, er konnte die Situation nicht verlassen, er musste halt kämpfen bis zum "love it".

Glücklicherweise war ich in der Situation ein kleines bisschen cooler. Und auch hier ist die Lösung klar, wir können nichts ändern, nichs verlassen, wir können nur lieben. Was habe ich gemacht? Ich habe eine Art innere Yoga-Übung gemacht, ich habe mich in den Platz gelümmelt und habe gedacht, Leute, ist doch alles egal. Dann bleiben wir halt drei Tage in diesem Flugzeug. Dann habe ich mir vorgestellt, ich wäre so entspannt und locker wie eine Socke und würde mich richtig in den Sitz reinflätzen. Ich habe mich auf die Anstrengungen der letzten Tage konzentriert, dachte mir, was für ein Glück, dass ich jetzt hier so einen schönen, bequemen Sitz habe.

Ich habe mich zurückgelehnt und habe mein iPod Hörbuch gehört, hab die Augen zugemacht und bin in eine andere Welt eingetaucht. Das, was sich jetzt so leicht anhört, das war in der Realität, Sie ahnen es, natürlich ein bisschen komplizierter. Trotzdem, ich habe es irgendwie geschafft, weil ich mich zum Glück nicht aufgeregt habe, weil ich mich mit der Situation arrangiert habe, mich letztlich arrangieren musste.

Wenn Sie sich einmal mit Menschen unterhalten haben, die schwere Katastrophen überlegt haben, schlimme Krankheitsdiagnosen, schlimme Situation vor Pleiten, vor Scheidungen, vor ganz schlimmen Dingen standen. Dann erzählen die Ihnen auch alle, dass irgendwann einmal der Moment ist, wo man die Situation annimmt, wo man sie akzeptiert.

Dass man ab diesem Moment das Gefühl hat, die Stimmung wieder im Griff zu haben. Dass man ab diesem Moment wieder das Gefühl hat, selbst sein Leben steuern zu können.

Wie dem auch sei, dieser Flug war für mich eine sehr bereichernde Erfahrung. Ich würde immer noch sagen, wir alleine bestimmen, wie es uns geht oder wir sollten alles tun, um alleine zu bestimmen, wie es uns geht.

Das war es für dieses Mal mit unserem Podcast, bitte hören Sie wieder rein. Danke für's Zuhören, herzliche Schweinehundegrüße, Ihr Stefan Frädrich.



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