Gut drauf trotz Handicap


Gut drauf trotz Handicap

Was brauchen wir nicht alles um glücklich zu sein. Viel Geld, den perfekten Partner, ewige Jugend, Selbsterfüllung, immerwährender Feierabend, einen Traumkörper usw. Wir alle stecken voller Wünsche. Das Problem: was ist, wenn eine Kleinigkeit nicht passt. Dann empfinden Sie das häufig als eine Katastrophe. Stellen Sie sich vor, die Espressomaschine spinnt, der Strafzettel, der an der Windschutzscheibe klebt, der Abflussreiniger, den Sie gerade nicht im Haus haben, während der Abfluss gerade verstopft ist, das Wetter ist verregnet. Das führt meistens dazu, dass Sie das Leben als mies empfinden, weil unser Schweinehund sagt, guck nicht auf das, was schön im Leben ist, sondern auf das, was nicht klappt.

Da fallen mir zwei Metaphern ein, die das sehr gut umschreiben. Die eine Metapher ist die Unterscheidung zwischen einer Kette und einem Seil. Wenn man das Leben als eine Kette betrachtet, das stabil sein soll (die Kette besteht aus einzelnen Gliedern) dann reicht es, wenn ein einziges Kettenglied zerbrochen ist und die gesamte Kette hält nicht mehr. Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen, ich auch, genauso leben. Also irgendeine Kleinigkeit stimmt nicht und wir empfinden das als eine große, zerrissene Kette, anstatt uns darauf zu konzentrieren, was im Leben alles funktioniert. Die andere Variante ist, das Leben als ein Seil zu betrachten. Ein Seil besteht aus vielen verschiedenen Fasern und dem Seil ist es wurscht, wenn die eine oder andere Faser gerissen ist. Trotzdem hält das Seil. Es ist alles in Ordnung. Und ich finde, das ist ein schönes Bild dafür, dass wir uns in unserem Leben eigentlich auf Vieles konzentrieren können, was in unserem Leben funktioniert.

Eine andere Metapher, diesen Zustand zu beschreiben, ist Unkraut jäten und Blumen säen. Stellen Sie sich vor, Sie treffen auf einen Menschen, der in einem Garten Unkraut jätet wie bekloppt. Das Problem ist, dass er nie fertig wird. Denn bei einer bestimmten Gartengröße ist es völlig normal, dass er überall Unkraut findet, und entsprechend seiner Wahrnehmung konzentriert er sich auf das Unkraut und jätet und schimpft, und das Unkraut geht nicht weg. Ein anderer Mensch, ein Schlauerer, ein Weiser, macht es so, dass er sich in seinem Garten auf die schönen Blumen konzentriert. Ab und zu muss er ein größeres Unkraut raus rupfen, wobei eigentlich die Frage zu stellen ist, wer definiert, was Unkraut ist und was nicht. Dennoch, wenn er sich eher auf die schönen Blumen konzentriert, dann wird sein Garten erblühen, und auch in seiner Wahrnehmung wird sein Garten erblühen, denn er guckt auf das, was er Schönes gepflanzt hat. Wir können das auch auf unser Leben beziehen. Wir reagieren auf negative Umstände häufig negativ und vor allem viele Menschen, die krank sind, oder bei denen etwas nicht läuft, die anders sind, die behindert sind, die fühlen sich nicht vollwertig, weil sie diesen Verlust fokussieren und sie verkriechen sich leider zu Hause. Man könnte sagen, das ist verständlich. Wenn es mir mies geht, möchte ich auch lieber zu Hause sein und mich verkriechen, anstatt mich in der Öffentlichkeit zu zeigen und zu sagen, macht nichts, das Leben ist schon okay.

Da ist mir letzte Woche etwas Tolles passiert, eine wirklich faszinierende kleine Geschichte des Alltags. Ich war wie häufig in der Kölner Innenstadt. Sie wissen, ich habe dort mein Büro, ich arbeite und lebe dort. Ich habe dort mit meiner Frau Mittag gegessen. Einige Querstraßen weiter gibt es ein leckeres Restaurant, wo wir gerne hingehen. Nach dem Essen gingen wir nach Hause und auf dem Heimweg habe ich einen alten Mann in einem Hauseingang gesehen. Offensichtlich war der alte Mann auf den ersten Blick schwächlich, er war schlecht zu Fuß, hatte einen Stock, zitterte vor sich hin, also insgesamt klapprig und hilfsbedürftig. Man denkt im ersten Moment, ach der Arme. Und dann lächelt er mich an, winkt mit seiner Hand, mit der er sich nicht an der Hausfassade festhielt, zu sich. Ich denke, was möchte er. Er stand im Hauseingang und ich dachte, vielleicht will er Hilfe beim Tür aufschließen oder ich soll ihm etwas rein tragen. Also ich gehe hin und er lächelt und sagt höflich und offen: Ja, ich will nach Hause. Bringen Sie mich bitte zur U-Bahn. Man muss wissen, dass die U-Bahn einen Kilometer entfernt von der Stelle ist, an der er stand. Also nicht nur Tür aufschließen oder über die Straße bringen, sondern wirklich ein Zeitaufwand, den er von mir haben wollte. Ich denke, okay, er lächelt so nett, ich mach das mal. Ich gab mich vertrauensvoll in diese Situation und half ihm. Dann hakt der Mensch sich vertrauensvoll bei mir ein und wir liefen im Schneckentempo zur U-Bahn. Wenn Sie mit Kranken oder Behinderten zu tun haben, wissen Sie, dass die Schritte, die wir als normal erleben, schnell 100 Meter zurücklegen oder ähnliches, dass das bei anderen Menschen nicht geht. Genauso bei ihm. Jeder Schritt war ein Kampf nach vorne. Der Stock wurde gesetzt, die Schritte kamen trippel, trippel, trippel, und ich hob ihn und hielt ihn. Dabei erzählte er, dass er schwerbehindert sei und das sei ihm egal. Er fährt jeden Tag mit der U-Bahn in die Innenstadt, weil er im Randbezirk von Köln wohnt, nicht ganz außerhalb, Köln sei schön, er sei gerne Kölner. Aber zu Hause ist es langweilig, weil er keine Frau und Kinder hat, habe er auch nie gebraucht. In der Stadt sind viele nette Leute und spannend anzuschauen. Er guckt, dass er jeden Tag in die Stadt fährt. Zu Hause alleine ist nichts, Mittagessen zu Hause mag er auch nicht. Es gibt zwar einen sozialen Dienst, der ihm ab und zu Mittagessen bringt. Aber das bestellt er meistens ab, weil das Essen in der Innenstadt viel besser ist, und gerade war er im Karstadt-Restaurant, hat Geschnetzeltes mit Soße gegessen. Die Spätzle waren zwar nicht so gut wie bei diesem oder jenem Restaurant, aber immerhin hat er es gemocht und das Restaurant in Karstadt ist Klasse. Er erzählt in einer Tour auf dem Weg zur U-Bahn diese schönen Geschichten. Ich bringe ihn jetzt wirklich bis zur U-Bahn, obwohl es ziemlich lange dauert. Ich verabschiede mich von ihm, er sagt: auf Wiedersehen, lassen Sie mich hier stehen. Ich frage jemand anderen, ob er mich in die U-Bahn begleitet und mir wird klar, dass dieser Mensch sein ganzes Leben etwas Geniales macht.

Er verlässt sich auf andere, dass die ihm helfen, und er spricht Menschen offen und vertrauensvoll an und bittet andere um Hilfe. Er verlässt sich auf seine Gabe, zu improvisieren. Er braucht keinen festen Plan. Es muss nicht alles funktionieren in seinem Leben. Ich verlasse diese U-Bahnstation und habe das Gefühl, Zeit und Energie gewonnen zu haben und nicht Zeit aufgewendet zu haben für diesen Herrn. Was der Mann gemacht hat, dieser alte kranke Mann hat mir in wenigen Minuten wieder etwas über glückliches Leben beigebracht. Und zwar sollen wir nicht auf Verluste und Handicaps schauen, sondern auf die Möglichkeiten, die sich jedem Menschen tagtäglich bieten. Er hat uns klargemacht und ins Gedächtnis gerufen, dass es nicht gut ist, alleine zu Hause zu versauern. Wir brauchen Kontakte zu anderen Menschen und diese müssen wir aktiv suchen. Wir sollen nicht warten, sondern aktiv auf andere Menschen zugehen. Wenn wir das machen, sollten wir nicht Zurückweisungen erwarten, wie du gehst mir auf die Nerven, ich will jetzt nicht, sondern wir sollten wohlwollend in die Welt hineinblicken. Dann werden uns auch offene und wohlwollende Menschen zurückanschauen. Dann sollten wir natürlich nicht Perfektion anstreben, sondern wir sollten anstreben, das tägliche kleine Glück zu genießen. Ich denke, dass dieser Zeitaufwand von 20 bis 30 Minuten eine wahnsinnig gute Investition in das war, was ich als Glück wahrzunehmen, empfinde. Wenn wir das so machen wie dieser Mann, wird jeder Tag eine Abfolge glücklicher kleiner Momente sein, deren Summe das Leben schön macht, und zwar trotz Handicap. Genauso erscheinen manche gefühlte Katastrophen, die man in diesem Rahmen betrachtet, einfach nur lächerlich. Also achten wir jeden Tag auf die richtige Perspektive und genießen wir den Reichtum unseres Lebens.



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