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Exklusivinterview mit Michael van Gerwen

„AUF DER GROSSEN BÜHNE WILL ICH ALLE GEGNER AN DIE WAND SPIELEN“


Auch in diesem Jahr ist er der Mann, den es zu schlagen gilt. Seit gefühlten Ewigkeiten befindet sich Michael van Gerwen in der Form seines Lebens und geht als Titelfavorit in jedes Turnier. „Mighty Mike“ über das Leben als Darts-Phänomen. „Selbst auf den Malediven werde ich angesprochen.“

Michael van Gerwen hat die Darts-Welt im Sturm erobert. In einem atemberaubenden Tempo ist der 28-jährige Niederländer an die Spitze der „PDC Order of Merit“ gestürmt und hat dabei nicht nur viele Pokale eingeheimst, sondern auch eine stattliche Summe an Preisgeldern gewonnen. Und dennoch ist Michael ein netter, besonnener Typ geblieben, der einfach nur verrückt danach ist, Pfeile zu werfen. Glaubt man seinem Management, führten wir mit Mighty Mike „das längste Interview aller Zeiten“: Rund eine Stunde lang sprachen wir mit van Gerwen, der sowohl ein „Mighty Mike“ als auch ein „Likeable Mike“ sein kann.

Van Gerwen hat erst relativ spät mit dem Darten begonnen, doch das hinderte ihn nicht daran, ungemein erfolgreich zu sein. Inzwischen ist er die unangefochtene Nummer 1 des internationalen Dartsports. „Ich habe mit 13 Jahren meine ersten Turniere gespielt. Als ich elf war, habe ich auch schon Pfeile geworfen, doch immer nur zuhause. Ich habe auch Fußball gespielt, aber das war mehr oder weniger eine Katastrophe. Anfangs schaute mein Vater gelegentlich beim Training zu oder wenn ich ein Spiel hatte, doch irgendwann dachte er sich wohl so nach dem Motto: Das wird nix.“

War der späte Start im Nachhinein betrachtet womöglich ein Handicap?

„Viele fangen heute schon im Alter von sechs oder sieben Jahren an, doch das heißt nichts. Es garantiert dir noch lange nicht, dass du auch wirklich erfolgreich bist.“

Soll Darts denn nun olympisch werden oder nicht?

„Weißt du, das werde ich in fast jedem Interview gefragt. Natürlich ist Darts keine Sportart, bei der man körperlich völlig durchtrainiert sein muss, doch das ist Gewehrschießen auch nicht. Der Gewehrschütze muss noch nicht einmal die Kugeln aus der Zielscheibe holen. Und trotzdem ist diese Sportart olympisch.“

Ab und zu trainieren

Michael van Gerwens Spielplan ist mörderisch. Neben den offiziellen Turnieren könnte er ohne Probleme fast täglich einen Schaukampf bestreiten oder sein Können auf einem lokalen Turnier demonstrieren. Das macht es vielleicht ein bisschen schwieriger, feste Trainingszeiten einzuhalten, oder? „Das stimmt, ich trainiere nur ab und zu. Wenn ich Zeit habe. Doch eigentlich trainiere ich ständig, denn ich spiele sehr viele Turniere und gelegentlich kommt noch ein Schaukampf hinzu.“

Diese offiziellen Spiele bestimmen seinen Kalender in entscheidendem Maße. Van Gerwen: „Ich habe letztes Jahr 25 Turniere gewonnen. Doch manche dieser Turniere erstrecken sich über zehn Tage. Allein in der Premier League sind es 16 Spieltage. Alles zusammengerechnet bin ich an insgesamt 300 Tagen im Jahr nicht zuhause. Was ich am schlimmsten finde? Die vielen Reisen natürlich. Ach, es macht keinen Sinn, sich darüber zu aufzuregen. Es gehört dazu. Und natürlich habe ich einen tollen Beruf! Ich danke Gott dafür, dass ich diesen Beruf ausüben darf und dass sich alles so entwickelt hat. Ich war früher Fliesenleger und diesen Beruf möchte man mit 50 ganz sicher nicht mehr ausüben, das ist richtig. Auch wenn ich diesbezüglich anfügen muss, dass ich mit 50 auch nicht mehr professionell Darts spielen möchte. Wenn ich 40, 45 bin, höre ich auf. Dann ist Schluss. Nicht, weil es mit 50 zu hart wird oder so. Das ist völliger Unsinn! Denn weißt du, was wirklich hart ist? Wenn man mit 50 um fünf Uhr aufstehen und zur Arbeit gehen muss. Das ist mal richtig hart. Das ist meine ehrliche Meinung.“

Die vielen Reisen, vor allem nach Großbritannien, stellen eine große Belastung dar. Denkt er deshalb über einen Umzug auf die Insel nach? „Nein, und weißt du auch, warum nicht? Oft komme ich selbst in England mit dem Flugzeug schneller von einem Ort zum anderen als mit dem Auto. Und dann ist es eigentlich ziemlich egal, ob ich in den Niederlanden oder in England wohne. Außerdem könnte ich dann so gut wie kein PSV-Spiel mehr live im Stadion verfolgen.“

Im Affenzahn

Die Tatsache, dass Michael van Gerwen im Affenzahn die Nummer 1 der PDC wurde (und diese Position wohl auch noch eine ganze Weile innehaben wird), hat ihm die nötigen Türen geöffnet, innerhalb und außerhalb des Dartsports. „Ja, natürlich ist das so. Doch das habe ich selbst herbeigeführt. Dafür habe ich sehr hart gearbeitet. Und es gab in der Vergangenheit auch andere Zeiten. Das erste Jahr bei der PDC war noch in Ordnung, doch in den Folgejahren habe ich mich sehr schwer getan. Damals dachte ich sogar ans Aufhören. Denn wenn man weiß, dass man eigentlich besser ist als das Gros der Spieler, und trotzdem ständig verliert, läuft etwas verkehrt. Dann muss man alles umschmeißen. Die seinerzeit neu ins Leben gerufene PDC Youth Tour war meine Chance, Spiele zu gewinnen und dadurch Selbstvertrauen zu tanken. Denn das ist fast das Wichtigste beim Darts. Und bevor in diesem Zusammenhang die Frage aufkommt, sage ich es lieber gleich: Nein, ich habe keinen Angstgegner, auch nicht Raymond van Barneveld. Ich habe schon so oft gegen ihn gewonnen. Wir haben mal zusammen bei ihm trainiert. Hinterher gestand er mir, dass er sich eine Woche lang nicht nach draußen getraut hat, so sehr habe ich ihn vermöbelt. Das sind dann die schönen Dinge, haha. Das erzählt Raymond heute noch ab und zu. Doch man darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass er ebenfalls ein Siegertyp ist, der sich über zweite Plätze nicht freuen kann. Man sollte ihn also auf keinen Fall unterschätzen. Nur muss Raymond inzwischen viel mehr Darter als nur Phil Taylor vor sich dulden.“

Apropos Taylor: Glaubt van Gerwen, dass der beste Darter aller Zeiten zum Abschluss seiner Karriere noch einmal Weltmeister wird? „Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich denke, dass er mittlerweile ein bisschen zu alt ist, um eine WM durchzustehen, die sich über drei Wochen erstreckt. Er spielt noch gut, doch in konditioneller Hinsicht baut er so langsam ab. Ich freue mich für ihn, dass er bald seinen Ruhestand genießen kann und es sich gutgehen lässt.“ Taylors Thronfolger grinst breit, er ist bereit für die endgültige Machtübernahme. „Ob es schwieriger ist, an die Spitze zu gelangen oder dort zu bleiben? Beides ist schwer. Man muss jede Woche seine Leistung bringen, sonst fällt man in der Rangliste zurück.“ An der Weltspitze ist der Druck gewaltig, das steht außer Frage. Vertraut van Gerwen, so wie andere Top-Spieler, auf die Betreuung durch einen Mentaltrainer? „Nein, den brauche ich nicht. Darauf greifen Spieler zurück, die sich in ihrer Haut und in ihrem Spiel nicht wohlfühlen.“ Damit hat van Gerwen keine Probleme, mit einer kleinen Anmerkung. „Meist genieße ich es, jedoch nicht immer. Die Aufmerksamkeit, die man außerhalb von Turnieren erhält, wie zum Beispiel auf der Straße, ist manchmal schon heftig. Selbst auf den Malediven werde ich angesprochen. Auf Holländisch! Ach, auch das gehört dazu.“

Lionel Messi

Wenn van Gerwen einen Tag mit einem anderen Sportler tauschen könnte, würde er gerne mal in der Haut von Fußballstar Lionel Messi stecken. Jedoch ohne so dermaßen berühmt zu sein wie der Argentinier, damit er sich weiterhin ungestört in der Öffentlichkeit bewegen kann. Doch ein Star-Kult ist mittlerweile auch um van Gerwen ausgebrochen, wie er selbst zugibt. Auch wenn er sofort einschränkt: „Natürlich höre ich auch manchmal, dass die Leute auf der Straße meinen Namen rufen. Doch das ist natürlich nicht so krass wie bei Messi! In Spanien ist er ein Gott! Wenn man meinen Namen dort oder in Südamerika auf der Straße ruft, dann fragen sich die Leute, wer zum Teufel das ist. Man kann mich wirklich nicht mit Messi vergleichen, das geht mir dann doch ein bisschen zu weit, haha.“

Also gut, dann halt kein zweiter Messi, doch immerhin hat ihn Snooker-Legende Ronnie O'Sullivan letztes Jahr zum „besten Sportler auf diesem Planeten“ erhoben. Nicht schlecht, oder? „Tja, Ronnie ist sicherlich ein Held“, meint Michael. „Vielleicht kann er auch ein richtiger Mistkerl sein, ich weiß es nicht. Doch man muss schon so eine Kämpfernatur wie Ronnie besitzen. Ansonsten schafft man es nie bis an die Spitze.“

Wir können uns gut vorstellen, dass Michaels anhaltende Erfolgsserie dazu führt, dass sich Spitzensportler anderer Sportarten an ihn wenden, um in Erfahrung zu bringen, was sein Erfolgsgeheimnis ist. Stimmt das? „Naja, hin und wieder kommt es zu so einer Begegnung. Doch dann unterhalten wir uns vielleicht eine Minute lang über Sport und reden anschließend über den Ort, an dem wir unseren Sommerurlaub verbringen werden. Oder wir gehen gemeinsam ganz entspannt einen Happen essen. Das mache ich ab und zu mit einigen PSV-Spielern. Dann essen wir eine Kleinigkeit und spielen dabei Siedler von Catan. Völlig entspannt.“

Durch dick und dünn

Hat er noch Freunde innerhalb des Dartsports? „Eigentlich nur einen, Vincent van der Voort. Wir hatten früher mal denselben Sponsor und teilten uns bei Turnieren gelegentlich das Zimmer. Daraus hat sich eine gute Freundschaft entwickelt. Wir waren sogar schon zusammen im Urlaub und er war mein Trauzeuge. Wir beide gehen wirklich durch dick und dünn. Doch wenn ich gegen ihn antreten muss, will ich auch gegen ihn gewinnen. Dann spielt unsere Freundschaft für einen Moment keine Rolle. Sowieso gibt es im Profi-Darts nur wenige echte Freundschaften. Ich verstehe mich zum Beispiel auf Turnieren ganz prima mit Raymond van Barneveld. Ansonsten sehen wir uns kaum.“

Die Professional Darts Corporation hat vor einer Weile, ähnlich wie beim professionellen Snooker, die eigenen Formate kritisch überprüft. Das führte zu einer Reihe von Veränderungen. Für van Gerwen kommt das nicht überraschend. „Es ist absolut nicht verwunderlich, dass sowohl beim Snooker als auch bei der PDC Dinge verändert worden sind. Beide haben denselben Besitzer. Sowohl die Spieler, als auch die Zuschauer in der Halle und an den Fernsehgeräten können froh sein, dass die PDC weiter wächst. Da sitzt jemand am Hebel, der sich in diesem Geschäft hervorragend auskennt. Und das ist sehr gut.“

Besoffene Studenten

Die Veränderungen waren auch notwendig. Hinter den Kulissen beklagte sich die ältere Garde in erster Linie über die Höhe der Preisgelder, die seitdem stark angehoben worden sind. Auch in dieser Hinsicht ist Michael van Gerwen im richtigen Moment zum Profi-Darts gekommen. „Ja, das sagt van Barneveld auch immer. Doch dann erinnere ich ihn daran, dass es zu seiner Zeit viel mehr Sponsorengelder gab als heute. Das stimmt wirklich! Ich muss um jeden Euro kämpfen. Natürlich habe ich Sponsoren, doch es sind weniger im Vergleich zu früher. Ich muss aber auch sagen, dass ich mich nicht mehr für Exhibitions vor irgendwelchen besoffenen Studenten oder so hergebe. Das mache ich nicht mehr. Natürlich spiele ich auch des Geldes wegen. Die Pokale und Titel sind großartig, doch mit einem Pokal kann ich die Hypothek für mein Haus nicht abbezahlen. In dieser Hinsicht ist es toll, dass die Preisgelder angehoben wurden. Bei der EM beispielsweise nimmt der Sieger 100.000 Pfund mit nach Hause. 100.000 Pfund an einem Wochenende! Doch man darf nicht vergessen, dass davon eine Menge abgeht. Ich muss beispielsweise mein Management bezahlen und irgendwelche Rechnungen und Mahnungen liegen auch bei mir im Briefkasten. Doch ich will mich wirklich nicht beklagen, denn ich kann davon sehr gut leben.“

Nicht nur das gestiegene Preisgeld kennzeichnet die Entwicklung der professionellen Darts-Szene. Van Gerwen: „Früher war der Wirt der Kneipe, in der man spielte, auch gleichzeitig dein Manager. Heutzutage hat man ein ganzes Team um sich herum, samt professionellem Management. Das ist ein riesiger Unterschied. Und der rührt in der Tat daher, dass heute viel mehr Geld im Spiel ist. Je größer diese Beträge werden, desto professioneller wird der Sport.“

Vor allem aufgrund der innovativen Herangehensweise der PDC und der weltweiten Veräußerung der Fernsehrechte gewinnt Darts auch in Ländern an Popularität, in denen es nicht als Leistungssport betrieben wird, wie z.B. in Deutschland. „Ja, das stimmt“, bestätigt van Gerwen. „Wenn man sich ansieht, wie beliebt der professionelle Dartsport in Deutschland ist. Die Zuschauer stehen schon Stunden vor dem Einlass vor den Hallen und warten darauf, dass es endlich losgeht. Obwohl es keine deutschen Dartspieler gibt, die ganz oben in der Weltspitze mitmischen. Eigentlich verrückt! Doch vermutlich braucht Deutschland einfach noch ein bisschen Zeit, bis wirklich gute Darter am Start sind. Es gibt dort heute schon ein paar junge Spieler, die ganz vielversprechende Ansätze zeigen.“ Und woran liegt es, dass es in den Niederlanden sowohl ein Publikum, als auch eine ganze Reihe an Top-Dartern gibt? „Es ist mir ein bisschen zu einfach, dies ausschließlich mit Raymond van Barnevelds großen Erfolgen zu begründen. Das ist 20 Jahre her! Die Jüngeren können seine Spiele von früher höchstens noch auf YouTube sehen, denn die liefen damals nur selten im Fernsehen.“

Van Gerwen hat das höchste Ziel erreicht, das es in der Darts-Welt zu erreichen gibt: Er ist Weltranglistenerster. Wird es für ihn nicht immer schwieriger, sich zu motivieren, besonders für die weniger großen Turniere? „Ich spiele keine kleinen Turniere mehr. Soll heißen, dass alles, was ich spiele, richtig groß ist. Oder anders gesagt: Alle Turniere, die ich spiele, sind wichtig. Ohne diese Einstellung kann man nicht erfolgreich sein. Ich bereite mich vor und gebe alles dafür, um am Ende den Pokal für den Sieger in die Höhe stemmen zu können. Das gefällt mir sehr, ich siege für mein Leben gerne. Ich will alles spielen und immer gewinnen, am liebsten haushoch. Das ist zwar nicht immer ganz so einfach, doch ich versuche es jedes Mal.“ Legt er nochmal eine Schippe drauf, wenn ein Majorturnier ansteht? „Ja klar, gerade bei den TV-Turnieren will ich alle Gegner an die Wand spielen, die sich mir in den Weg stellen. Da gebe ich Vollgas!“

Text: Jeroen de Vries und Paul Teixera
Übersetzung: Martin Rönnberg

Steckbrief-Interview: Michael van Gerwen

Name?

Michael „Mighty Mike“ van Gerwen

Geburtsdatum?

25. April 1989

PDC-Weltranglistenposition?

Platz 1 (25. April 2017)

Wie entspannst du dich?

„Indem ich gewinne. Bei allem, was ich mache, will ich als Sieger vom Platz gehen. Völlig egal, ob es sich dabei um eine Partie Darts oder eine Runde Siedler von Catan handelt.“

Lieblingssportart (im Fernsehen)?

„Darts und Fußball.“

Michael van Gerwen und Daphne Govers

Unterstützung durch Familie und Freunde?

Seine Frau steht vor, neben und hinter ihm. Auch wenn sie mittlerweile nicht mehr bei jedem Turnier dabei ist. Das Ehepaar van Gerwen steckt mitten im Hausbau und der ist bekanntlich sehr zeitintensiv.

Gibt es ein Leben neben dem Darts?

„Auf jeden Fall. Ich will mit 50 auch nicht mehr auf der großen Bühne stehen und Pfeile auf eine Scheibe werfen.“

 Michael van Gerwen Porträt

 Michael van Gerwen Interview, Darts WM 2017

Michael van Gerwen Karriere (PDF, 1.002 kB)


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